ZUR GESCHICHTE DER JÜDISCHEN GEMEINDE IN RETZ
1.Von den Anfängen bis zur rechtlichen Gleichstellung 1867
Die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Retz ist auch eine Geschichte des (latenten und manifesten) religiösen, wirtschaftlichen und zuletzt rassischen Antisemitismus. Dieser Antisemitismus zeigte sich in Kleiderordnungen, Vorurteilen, Ausweisungen oder Vertreibungen. Vorwürfe von Hostienschändungen oder Vergiften der Brunnen führten zu Pogromen und blutiger Verfolgung. Ein derartiges Judenpogrom von Pulkau im Jahre 1338 führte auch zur Verfolgung der Juden in Retz.
Am 10.9.1670 bestimmte ein Hofbefehl Kaiser Leopolds I., dass sich am Leopolditag kein sesshafter Jude im Land befinden dürfe. Das Retzer Ratsprotokoll vom 4.10.1670 bemerkte dazu „…“weillen sich in unsern Burgfrieden niemalen ein Jud hat haussässig befunden, also hat es sein Bewenden.“ In den Retzer Ratsprotokollen werden immer nur auswärtige Juden (zumeist aus Mähren) erwähnt, die zumeist als Wanderhändler auf den Retzer Märkten Handel betrieben, ohne aber festen Wohnsitz hier nehmen zu dürfen. Erst 1742 wird ein ansässiger Jude in Retz erwähnt. Er hatte im heutigen Postgebäude (Hauptplatz Nr. 13) ein Verkaufsgewölbe.
Das Toleranzpatent von Kaiser Joseph II. vom 2.1.1782 ermöglichte Juden die Niederlassung auf dem offenen Land in Niederösterreich. Dieses Recht zur Ansiedlung wurde jedoch von der Gründung „nützlicher“ Gewerbe (etwa Fabriken oder Manufakturen) abhängig gemacht.
Nach weiteren Emanzipationsbestrebungen im Zuge der Revolution von 1848 hinsichtlich Glaubensfreiheit, Niederlassungsfreiheit und freier Berufswahl ließen sich Juden im Weinviertel nieder. Doch brachte erst das „Staatsgrundgesetz über die allgemeinen Rechte der Staatsbürger“ vom 21.12.1867 (RGBL 141/1867) die völlige Gleichstellung mit Nicht-Juden. Diese bürgerliche Gleichstellung bewirkte eine weitgehende Assimilierung und Anpassung der jüdischen Bevölkerung durch Verwendung der deutschen Sprache und Identifikation mit dem übernationalen Kaiserreich und der deutschen Kultur.
In Retz siedelten sich in weitere Folge Juden vor allem aus Mähren an. Sie waren assimiliert und wirtschaftlich integriert.
2. Von der Gleichstellung bis zum Beginn des Untergangs (12.3.1938)
In der 2.Hälfte des 19.Jahrhunderts kam es zu einer Zuwanderung von Juden nach Retz. Die Volkszählungen (VZ) zwischen 1870 und 1890 ergaben folgendes Bild:
VZ 1870: Stadt Retz, 12 Israeliten, 1206 Einwohner
VZ 1880: Stadt Retz, 47 Israeliten, 1285 Einwohner
VZ 1890: Stadt Retz, 76 Israeliten, 1264 Einwohner
Im Gedenkbuch der Stadt Retz schrieb Stadtsekretär Josef Karl Puntschert zum Jahr 1878: “Lazar Spitzer ist der erste Israelit der im Jahre 1878 ein Haus -Nr.41- in der Stadt kauft und besitzt.“ (Gedenkbuch S.323)
Das Gesetz vom 21.3.1890 betreffend die Regelung der äußeren Rechtsverhältnisse der israelitischen Religionsgesellschaft („Israelitengesetz“ - RGBL 57/1890) führte zur Schaffung von Israelitischen Kultusgemeinden (IKG). Personen mosaischen Glauben mussten derjenigen IKG angehören, in deren Sprengel sie ihren ordentlichen Wohnsitz hatten. Die IKG war für die Befriedigung der religiösen Bedürfnisse ihrer Mitglieder da, wie z.B. die Abhaltung von Gottesdiensten. Retz gehörte damals zu IKG Horn. Erst ab 1.1. 1902 kam Retz zur neu geschaffenen IKG Hollabrunn. Die IKG Hollabrunn war durch den Zusammenschluss der Tempelvereine Retz und Hollabrunn entstanden. Der Vorsteher des Tempelvereins Retz war der Eisenwarenhändler Jacob König, Tempelvorsteher Marcus Kurz.
1934 fungierten Ignaz Kurz als Vizepräsident sowie Rudolf Ehrlich und Theodor König als Vorstandsmitglieder der IKG Hollabrunn.
Für kurze Zeit (1895-1897) hat es mit Josef Ritter auch einen jüdischen Kantor und Religionslehrer in Retz gegeben, sein Nachfolger als Religionslehrer war Ignaz Tschassni. Mosaischer Religionsunterricht und hebräisches Schreiben und Lesen wurden in der hiesigen Volks- und Bürgerschule abgehalten.
Die jüdischen Bethäuser in Retz
Das erste Bethaus im Haus 62 (1896-1907)
Am 1.12.1895 richteten die jüdischen Bürger von Retz gemeinsam mit Religionslehrer Ritter an die BH Oberhollabrunn eine Bitte, in Retz ein Bethaus errichten zu dürfen.
Dieses Bethaus befand sich im Haus des Salomon Weinmann (heute Hauptplatz Nr.11), im rückwärtigen zur Lehengasse gelegenen Trakt (Lehengasse 13). Weinmann betrieb dort ein Tuch- und Modewarengeschäft sowie eine Weinhandlung. Am 18.7.1896 wurde die Benützungsbewilligung erteilt und am 22.7.1896 fand die feierliche Einweihung statt.
Das Bethaus war 72 m2 groß und hatte 68 Sitzplätze für Erwachsene. Die religiöse Einrichtung bestand aus Thoraschrein mit zwei Thorarollen, silberner Hand, zwei Bundestafeln, einer Messing-Menorah (siebenarmiger Leuchter), einer Pergament Megilah (Rolle Esther), einem silbernen Glaspokal, einem Ner-tomig (ewiges Licht), dem Hochzeitsbaldachin und dem Vorbetertisch.
Dieses Bethaus dürfte bis 1907 bestanden haben.
Das zweite Bethaus im Haus Hauptplatz Nr. 11 (1908-1914)
Am 23.12.1907 ersuchte Julius Kurz die Stadtgemeinde Retz im selben Haus, das mittlerweile Julius Weinmann gehörte, ein Bethaus errichten zu dürfen. Dieses befand sich im ehemaligen Verkaufsgewölbe links von der Hauseinfahrt.
Am 24.1.1908 bewilligte die Stadtgemeinde Retz den Umbau zu einem Bethaus. Der Raum war 7,20 m lang, 5,75 m breit und 3,20 m hoch. Dort sollten sich maximal 25 Personen an vier Tagen des Jahres und an mehreren unbestimmten Tagen 10-12 Personen versammeln.
Gottesdienste fanden dort bis zum 1.Weltkrieg statt, da nachher die erforderliche Anzahl von zehn jüdischen Männern nicht mehr erreicht wurde.
Die VZ von 1934 ergab für die Stadt Retz 32 und für die Altstadt Retz 13, also insgesamt 45 Israeliten.
3. Der Untergang der jüdischen Gemeinde in Retz
Sofort mit dem Einmarsch der deutschen Truppen wurden die Juden in persönlicher als auch in wirtschaftlicher Hinsicht diskriminiert. Es kam zu Putz- und Reibpartien, zum Beschmieren und Boykott jüdischer Geschäfte, Demütigungen, Hausdurchsuchungen, Plünderungen etc.
Bereits am 29.3.1938 meldete die Stadtgemeinde Retz an die BH Hollabrunn, dass allen hier wohnhaften Juden die Reisepässe abgenommen wurden und vorgelegt werden.
Weitere Diskriminierungen folgten, wie z.B. das Verbot der Eheschließungen zwischen Juden und Nicht-Juden, die Einführung der „Nürnberger Rassengesetze “, die zwangsweise Annahme des Zusatzvornamens „Israel“ bzw. „Sara“ oder ein Ausgehverbot für Juden.
Am 19.9.1938 berichtete der Retzer Wachebeamte Ecker an Gemeindeverwalter Diwisch: „Ich melde, dass. Dr. Löser (ein jüdischer Retzer Rechtsanwalt, Anm. des Verf.) am 19.9.1938 die für Juden erlaubte Ausgehstunde überschritten hat, daher auftragsgemäß um ½ 9 Uhr in den Schubarrest eingeliefert wurde.“
Am 20.9.1938 berichtete Ecker an Diwisch: „Ich melde, dass in der Nacht zum 20.9.1938 bei sämtlichen Judenhäusern die Fenster durch Steinwürfe eingeworfen wurden. Täter unbekannt.“
Die Stadtgemeinde kaufte vier jüdische Häuser (Neumann, Prinz, Kurz und Hirsch) an. Die Kaufverträge zwischen der Stadtgemeinde und dem NS-Kreiswirtschaftsberater Franz Reisinger vom 25.11.1938 wurden allerdings von der NS-Vermögensverkehrsstelle nicht genehmigt und daher rechtsungültig. Zu den neu festgesetzten Schätzwerten der Gebäude hatte die Gemeinde dann kein Kaufinteresse mehr.
Am 27.4.1938 mussten auch die Retzer Juden ihr Vermögen anmelden. Diese Vermögenserklärungen waren die Grundlage für spätere „Arisierungen“. Es mussten der Wert der Immobilien, Wohnungsinventar, Schmuck, Sparguthaben, Kapitalvermögen etc. angegeben werden.
Der Personenwagen des Kaufmannes Rudolf Ehrlich war bereits im März 1938 von der Parteileitung der NSDAP Retz beschlagnahmt worden.
Durch die Einziehung von Konzessionen, Gewerbescheinen, die erzwungene Schließung von Betrieben und die Bestellung „kommissarischer Verwalter“ für jüdische Betriebe entzog man in weiterer Folge der jüdischen Bevölkerung die wirtschaftliche Existenzgrundlage. Juden wurden unter massiven Druck gesetzt ihre Häuser, Liegenschaften und Geschäfte zu verkaufen („Arisierungen“). Nach erfolgter zwangsweiser Vertreibung war Ende September 1938 kein Jude mehr in Retz. Die lokale jüdische Gemeinde existierte nicht mehr.
4. Schicksal der Retzer Juden, die am 12.3.1938 in Retz lebten:
Den Nationalsozialisten ging es nicht nur um die wirtschaftliche Vernichtung und zwangsweise Vertreibung der jüdischen Bevölkerung. Die Juden sollten auswandern, doch wurde diese Auswanderung oft durch bürokratische Schikanen verzögert oder unmöglich gemacht. Auch fanden sich immer weniger Staaten, die bereit waren Juden aufzunehmen. Mit Kriegsbeginn war eine Auswanderung praktisch unmöglich. Die Retzer Jüdinnen und Juden saßen in Wien fest. Die von den Nationalsozialisten zynisch benannte „Endlösung der Judenfrage“ bedeutete letztendlich die physische Vernichtung allen jüdischen Lebens.
Zur folgenden Namensliste muss bemerkt werden, dass das Schicksal mancher Personen unklar bleibt, bei der Altersangabe „ca“ lässt sich das Todesdatum nicht ermitteln. Auch ist es möglich, dass es weitere jüdische Opfer aus Retz gibt, die jedoch in den Akten des Stadtarchivs Retz nicht dokumentiert sind.
Name | Geb. Dat | Adresse | Beruf | Alter | Schicksal |
Bruckner Leopold | 7.6.1880 | Windmühlgasse 13 | Fuhrwerks-besitzer, Pferde-händler | 58 | Selbstmord durch Erschießen (12.6.1938) |
Bruckner Emilie (Schwe-ster von Leopold) | 1.10.1883 |
|
|
| verschollen |
Bruckner Wilma (Tochter) | 27.2.1922 | Windmühlgasse 13 |
| 20 | 5.6.1942 nach Izbica deportiert |
Ehrlich Rudolf | 31.12.1881 | Hauptplatz 11 | Kaufmann | 61 | 17.7.1942 nach Auschwitz |
Ehrlich Rosa (Gattin) | 28.9.1882 | Hauptplatz 11 |
| 60 | 17.7.1942 nach Auschwitz |
Ehrlich Bruno (Sohn) | 25.7.1910 | Hauptplatz 11 | Handelsangestellter | 31 | 13.10.1941 in Sabac/ Serbien erschossen |
Ehrlich Kurt (Sohn) | 6.2.1912 | Hauptplatz 11 | Handelsangestellter | 29 | 13.10.1941 in Sabac erschossen |
Ehrlich Erwin (Sohn) | 1.5.1913 | Hauptplatz 11 | Kaufmann | 28 | 13.10.1941 in Sabac erschossen |
Hirsch Jakob | 24.2.1877 | Znaimerstraße 34 | Trödler, Kaufmann | 65 | 9.6.1942 Maly Trostinec |
Hirsch Cäcilia (Gattin) | 12.1.1882 | Znaimerstraße 34 |
| 60 | 9.6.1942 Maly Trostinec |
Hirsch Max | 15.6.1866 | Klostergasse 25 | Kaufmann | 76 | Von Theresienstadt am 19.10.1942 nach Osten |
König Max | 23.5.1883 | Hauptplatz 17 | Kaufmann | Ca 60 | Flucht nach Kroatien -verschollen |
König Stephanie (Gattin) | 22.11.1887 | Hauptplatz 17 |
| Ca 55 | Flucht nach Kroatien -verschollen |
König Hans (Sohn) | 20.10.1922 | Hauptplatz 17 | Zeichner | Ca 20 | 1944 Tod in einem kroatischen Faschisten-lager? |
König Trude (Tochter) | 12.5.1924 | Hauptplatz 17 |
| Ca 20 | Flucht nach Kroatien -verschollen |
König Freiberger Edwin | 2.9.1892 | Klostergasse 11 |
| 50 | 18.9.1942 Maly Trostinec |
Kurz Ignaz | 16.9.1869 | Hauptplatz 12 | Lederhändler | Über 70 | verschollen |
Kurz Regine (Gattin) | 27.8.1875 | Hauptplatz 12 |
| Ca 65 | verschollen |
Neumann Heinrich | 15.10.1881 | Znaimerstraße 3 | Finanzbeamter, Rechnungsrat | 61 | 17.7.1942 Auschwitz |
Neumann Berta (Gattin) | 26.2.1891 | Znaimerstraße 3 |
| 51 | 17.7.1942 Auschwitz |
Prinz Emil | 5.11.1879 | Kremserstraße 4 | Mechaniker | 63 | 5.6.1942 Izbica/Polen
|
Prinz Olga (Gattin) | 1.10.1885 | Kremserstraße 4 |
| 57 | 5.6.1942 Izbica
|
Spitzer Rosa | 11.10.1885 | Znaimerstraße 26 | Obst- und Gemüse-händlerin |
| vermisst |
Dr. Karl und Gattin Camilla Löser | 22.5.1852 27.9.1862 | Roseggergasse 3 | Rechtsanwalt |
| ? |
Quellen: Deportationskartei der Israelitischen Kultusgemeinde, Opferdatenbank des Dokumentationsarchives des österreichischen Widerstandes bzw. gerichtliche Todeserklärungen, Shoah-Namensmauer Wien
Überlebt hat Alice Ehrlich (geb. 12.3.1909), die einzige Tochter von Rosa und Rudolf Ehrlich.
Rückkehrer:
-Josef und Therese König wurden am 9.10.1942 nach Theresienstadt deportiert. Sie kamen im Sommer 1945 nach Retz zurück.
-Theodor und Ida König kehrten 1949 aus Argentinien nach Wien zurück. Sie waren bereits vor 1938 nach Wien gezogen.
-Karl König war von Oktober 1938 bis September 1942 in Palästina. Er diente ab 7.9.1942 in der britischen Armee und kehrte ebenfalls nach Kriegsende nach Retz zurück.
Resumee:
Die kleine jüdische Gemeinde in Retz erfuhr also ein tragisches Schicksal. Diese Personen hatten Niemandem etwas getan. Sie fühlten sich als „Österreicher*innen“ mosaischen Glaubens und als Retzer*Innen, sie waren assimiliert und wirtschaftlich integriert. Dennoch wurde ihnen von einem verbrecherischen Regime das Recht auf Leben abgesprochen. Das, was verharmlosend/euphemistisch als „Endlösung der Judenfrage“ umschrieben wurde, bedeutete in Wirklichkeit die physische Vernichtung von Menschenleben. Dieser gnadenlosen nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie sind auch die meisten Retzer und Retzer*innen jüdischen Glaubens zum Opfer gefallen. Ein Kapitel der Retzer Geschichte war damit zu Ende.
Literatur:
Stadtarchiv Retz, Karton GA 93
Rudolf Resch, Retzer Heimatbuch (Bd 1 Retz 1984 und Band 2 Retz 1951)
Gerhard Eberl, Die Israelitische Kultusgemeinde Horn und die Geschichte des provisorischen Bethauses in Retz, in: Das Waldviertel, Zeitschrift für Heimat- und Regionalkunde des Waldviertels und der Wachau, Jg. 42; Nr.3/1993; S. 263-268.
Autor: Dr. Thomas Dammelhart, Stadtarchivar